Interview mit Roland Koch
Roland Koch - Ministerpräsident von Hessen, Jahrgang 1958, ist nicht nur ein profilierter Politiker der Christlich Demokratischen Union, sondern auch ein echter Eschborner: Jahre lang saß er im Stadtparlament,
um die Stadt vor den Toren Frankfurts zu gestalten. Viel interessanter noch: Er baute damals die Junge Union in dieser Stadt auf. Uns.
Die Junge Union Eschborn traf sich am 24. Februar 2007 mit dem Ministerpräsidenten für ein Interview.
Herr Ministerpräsident, was bedeutet für Sie «Junge Union»?
Ich habe eine sehr emotionale Beziehung zur Jungen Union, denn nachdem ich mich in der Schule als Klassensprecher engagiert hatte, begann ich mich für die Politik zu interessieren. Die Junge Union ist die Umgebung gewesen, in der ich dieses Interesse an Politik entwickeln konnte: Über die JU lernte ich sowohl neue Menschen kennen, als auch vieles über Organisation und Politik. Außerdem konnte ich ausprobieren, ob ich mich tatsächlich für Politik interessiere - unter den Bedingungen, in denen die Politik eben stattfindet, aber auch an den vielen Abenden, die es mich kostete.

Oder die ganzen Diskussionen, Vorbereitungen, und auch Streit mit anderen, sowie bestritten zu werden, weil man eine Meinung hat. Ich habe wahnsinnig viel in der Jungen Union gelernt und habe deshalb auch noch heute eine nicht zu verhehlende emotionale Beziehung zur ihr.
Was hat Sie bewegt, die Junge Union in Eschborn aufzubauen?
Rückblickend ist alles ganz einfach: Man muss sich immer fragen, ob man bestimmte Dinge machen will. Wenn man sich für etwas interessiert, dann findet man eine Chance anzuknüpfen an Arbeit, die andere schon gemacht haben. Wenn man das nicht findet, muss man sich überlegen, ob die Arbeit einem so wichtig ist. Ob man anfängt, bei sich selber anzufangen, oder ob man es deshalb wieder sein lässt. Viele Dinge scheitern daran, dass man mal kurz nachschaut – gibt es da ein Angebot, und wenn es kein Angebot gibt, sucht man sich irgendetwas anderes. Ich habe mich damals entschieden, mit einigen wenigen Freunden zu sagen: Wir schaffen dieses Angebot. Wir hoben die JU Eschborn aus der Taufe. Natürlich ist es für eine Jugendorganisation hilfreich, wenn es auch eine Partei der Älteren, der Erwachsenen gibt, die sich darüber freuen, dass sich junge Leute engagieren. Und die ein Stück dabei helfen, dass so etwas entstehen und mit denen man dann auch zusammenarbeiten kann. Und so war es damals möglich, die Junge Union in Eschborn zu gründen.
«Damals war Schule viel mehr politisch als heute»
Und was waren damals Ihre Ziele?
Damals war es ein anderes politisches Klima, als es JU-Mitglieder heute erleben. Nach dem Jahr 1968 wurden Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet, die sehr, sehr politisch waren. Und damit war Schule viel mehr politisch als heute. Die meisten dieser Lehrer waren links. Und es gab auch ein Gruppenbewusstsein derer, die das Linke nicht wollten - aus eigener Überzeugung, aus der Prägung aus dem Elternhaus. Diese Menschen hatten ein Bedürfnis, auch Gruppen zu bilden. Sie hatten ein Bedürfnis, über Argumente zu reden, und geschult zu werden, um Argumente beantworten zu können. So dass es einen ganz allgemein politischen Ansatz auf der einen Seite gab, den man auf jeder Schulklasse, gerade wenn es zur Oberstufe ging, deutlich spüren konnte. Und zum anderen waren es immer sehr konkrete, örtliche Probleme: Das war die Zeit der Entstehung des Jugendzentrums, der Gründung des Abenteuerspielplatzes, sowie viele andere Dinge, die damit zusammenhingen. Oder die Frage, wie in Niederhöchstadt Jugendarbeit betrieben werden kann; ob das Hauptamt in Eschborn nicht betrieben wird, ob die Vereine das betreiben sollen? Diese Fragen waren immer dabei.
Wir haben uns um örtliche Dinge gekümmert, aber auch immer großen Spaß daran gehabt, über die Politik in der Welt zu diskutieren und über unser politisches Verständnis - sehr stark daran gemessen, ob wir am Ende auch an den Marxismus glauben, oder ob es doch etwas anderes gibt. Dann muss man das Resultat aus diesen Fragen erklären können. Das ist gar nicht so leicht, weil Marxisten immer ganz genau wussten, was sie wollten. Und Menschen, die für Freiheit sind und die sich Gedanken machen über Mister Popper und dem kritischen Rationalismus angehangen und gesagt haben: Alles ist solange wahr, bis es widerlegt ist. Wenn dann dauernd Linke kommen, musste man sich schulen, um damit umgehen zu können.

Aber es musste dann wirklich aus eigener Kraft kommen und man musste in der Schule stark selbst denken?
Die linken Lehrer sind die Gründerväter der Schüler Union. Und auch die großen Unterstützter der Jungen Union insofern als dass sie uns dazu gezwungen haben, uns zusammen zu bringen und nachzudenken. Es war oft auch eine intellektuelle Provokation dahinter, weil alle Seiten ihre Position beziehen mussten. Um damals an Informationen zu gelangen, wendeten wir uns an Referenten und versuchten stets, Seminare zu besuchen. Wir sind viel an Wochenenden in Seminaren unterwegs gewesen und luden Leute von verschiedenen Seiten ein. Da es eine sehr intensive politische Diskussion unter jungen Menschen gab, hatten wir auch die Chance, zu diskutieren.
«Wie finden wir Mitstreiter?»
Gab es damals konkrete Probleme, mit denen Sie zu kämpfen hatten?
Natürlich hat der Aufbau einer Organisation, vor allem einer Jugendorganisation, immer das Problem, dass man eigentlich viele gute Ideen, aber zu wenige Leute hat. Und deshalb haben wir uns oftmals gefragt: Wie finden wir Mitstreiter?
Kam es zum Widerstand von politischen Gegnern?
Ja, wir haben ja – Gott sei Dank – eine richtige Auseinandersetzung mit unseren politischen Gegnern gehabt. Da ging es um ganz tolle Themen, zum Beispiel wie man sich zum Putsch in Chile verhält. Angeblich war die Junge Union damals gar nicht kritisch genug, deshalb ist sie gar nicht in den Jugendring der Stadt Eschborn aufgenommen worden - wir mussten Jahre darum kämpfen. Vor allem, weil die Jusos das blockiert haben. Dieser Dialog hat uns im Nachhinein sehr geholfen und uns außerdem insofern motiviert gehabt. Und wir diskutierten über die Frage, wie dezentral Jugendarbeit ist, oder über die Jungsozialisten. Also ganz praktische, tägliche Probleme, mit denen wir damals zu tun hatten.

Ministerpräsident Koch mit Frederic Schneider (li.) und dem JU Eschborn-Vorsitzenden Christian Herkströter (re.).
Inwiefern prägt Sie noch heute die Arbeit in der Jungen Union von früher?
Wenn man über eine längere Phase von politischen Erfahrungen zurückschauen kann, wie ich das tue, dann erlebt man immer wieder Phasen, in denen man mit neuen Aufgaben konfrontiert wird. Das sind Dinge, die man vorher nur aus der Ferne gesehen hat und man hat eine gewisse Hochachtung, Respekt und Vorsicht vor diesen Dingen. Wenn man dann selbst mit diesen Aufgaben zu tun hat, erlebt man, dass Politiker auch alle nur mit Wasser kochen. Die Frage, was dort geschieht und wie es geschieht, unterscheidet sich letztlich nicht von dem, was man am Anfang der eigenen Arbeit, in der man sich engagiert hat, gelernt hat. Je besser man in dieser Zeit Fähigkeiten entwickelt hat, zu organisieren. Je besser man die Fähigkeit entwickelt hat, Menschen mit unterschiedlichen Charakteren zusammen zu bringen und gemeinsam zu arbeiten, umso besser gelingt einem das auch später, wenn es von Fernsehkameras beobachtet wird.
Das meiste, was ich heute mache, habe ich in meiner Zeit in der Jungen Union gelernt. Auch auf dem Weg durch die Junge Union bis zum Bundesvorstand. Ich habe die Junge Union gegründet, ich habe alles an großen und kleinen Streitereien mit der Jungen Union (Eschborn) erlebt, ich habe mich mit der CDU gerauft, ich habe der CDU geholfen, ich habe Plakate geklebt – mir kann niemand erzählen, was man machen muss, um Politik zu machen. Das werde ich nie vergessen, die JU ist meine Wurzel. Wenn ich durch Eschborn gehe, sehe ich manche, die damals mit mir gestritten haben, und manche, die mit mir zusammen die Junge Union gegründet haben; Menschen, die heute in ganz unterschiedlichen Beziehungen leben. Der CDU-Vorsitzende Karl-Heinz Gritsch und ich, wir wissen, dass wir aus Jugendtagen genauso verbunden sind, wie einige andere - das ist mir nach wie vor ganz wichtig.
Würden Sie denn heute Dinge anders machen als damals?
Ich würde mit Sicherheit heute viele Dinge anders machen als damals, auch heute noch - da unterscheidet sich nicht der Samstag vom Freitag, oder Donnerstag. Wir machen jeden Tag irgendwo Dinge, die, wenn wir noch einigermaßen selbstkritisch bleiben, verbesserungswürdig sind. Aber ich denke, es sind mehr die Details. Grundsätzliche Dinge würde ich heute ähnlich machen. Ich stelle mir manchmal die Frage, warum wir uns damals gestritten haben. Allerdings sind die meisten Streitigkeiten historisch unbedeutend. Sie prägen jedoch Meinungen und sie schrauben Persönlichkeiten. Insofern möchte ich eigentlich auch meine Irrtümer nicht missen.

Roland Koch mit Jens Brettschneider.
Wie eng sind Sie denn noch heute mit der Jungen Union verbunden?
Ich bin heute mit der Jungen Union auf der einen Seite hier in meiner Heimat verbunden, weil ich hier einige kenne, die immer wieder mir bei Wahlkämpfen helfen; denen ich alle fünf Jahre begegne. Außerdem sehe ich immer eine neue Generation derer, die hinzu kommen. Andere aus meiner Heimat werden langsam älter und nehmen Positionen in der CDU ein. Ich sehe auf der anderen Seite meine Aufgabe bei der CDU Deutschland auch in der Führung der Jungen Union. Der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, und seine Kollegen sind nicht nur regelmäßig heute bei mir zu Gast, wie ich das früher bei anderen sein durfte, sondern sie können immer davon ausgehen, dass sie quasi einen Kredit bei mir haben. Es ist zwar schwierig, aber ich bin froh, wenn die Jungen etwas tun. Wohl wissend, dass es manchmal auch so ist: Die Älteren freuen sich nicht, wenn die Junge Union in ihren Augen etwas falsch macht. Allerdings: Wenn die Älteren sich immer darüber freuen würden, was die Junge Union macht, wird die Junge Union uninteressant. Ich glaube, das habe ich im Leben so gelernt, dass es nicht vergessen wird.
«Nicht nur über Jugend, sondern auch mit Jugendlichen reden»
Welche Bedeutung messen Sie den heutigen Nachwuchsorganisationen bei? Vor allem in Hinblick auf die zurzeit diskutierte Politikverdrossenheit.
Die junge Generation ist in ihrer Mehrheit immer sehr weit weg von Politik gewesen. Das ist nichts Neues. Es schwankt zahlenmäßig immer ein bisschen. Viele kommen im Lauf ihrer beruflichen oder familiären Karriere zu dem Punkt an dem sie sagen: Das interessiert mich so, dass ich etwas erwarte oder verlange von Politik. Je mehr wir erreichen können, dass die Menschen sich früh mit diesen Fragen beschäftigen, desto mehr Menschen haben theoretisch auch eine Chance, später mal in die politische Arbeit hinein zu wachsen. Politik ist nicht ein Lehrberuf, aber der Glaube, es könne jeder jederzeit machen, ist eben auch ein Irrtum. Deshalb sind Nachwuchsorganisationen für uns unglaublich wichtig. Sie schaffen das Potential, aus dem später mit größerer Wahrscheinlichkeit einmal die Menschen kommen, die sich entscheiden, mit mehr Engagement und Zeit Politik zu machen. Diese Möglichkeit, Lebenserfahrung zu sammeln, ist für die Politik generell wichtig.
Es hilft uns zudem sehr, dass wir nicht nur über Jugend, sondern auch mit Jugendlichen reden, wenn es über die Probleme junger Menschen geht: Um Ausbildung, um ihre Zukunftschancen. Aber auch um die Dinge, die die Jugendlichen von heute später im Leben mal bezahlen müssen. Je mehr sie dort ihre Stimme erheben, umso eher ist wahrscheinlich, dass sie in zehn oder 15 Jahren auch sagen: Ja, das ist Politik, die haben wir damals betrachtet und wir finden sie nicht ganz falsch.
Das Gespräch führten Jens Brettschneider, Christian Herkströter und Frederic Schneider.
Stand: 26. Februar 2007
Bilder: Junge Union Eschborn / Schwarz-Weiß-Foto: roland-koch.de



